Die Sage von den Hörnern
Es waren einmal zwei Hirten. Der eine war gross und hatte lange Haare, die er immer zusammengebunden hatte. Der andere war nicht so gross, trug einen Bart und hatte immer ein Käppli auf dem Kopf. Die beiden waren gute Freunde, und jedes Jahr gingen sie zusammen z’Alp auf eine Kuhalp. Dort hüteten sie die Kühe und Rinder. Der Senn, der dritte im Bund, verarbeitete die Milch in der Sennhütte zu feinem Alpkäse. Sie waren ein gutes Trio, und die Bauern waren zufrieden mit ihnen.
Einmal in einem Sommer stellten die beiden Hirten mit Schrecken fest, das ein paar der Kühe keine Hörner hatten. Was war geschehen? Hatten die Kühe miteinander gekämpft und dabei ihre Hörner abgeschlagen? Die Hirten suchten die ganze Alp ab nach den verlorenen Hörnern, hinter jeden Felsen, hinter jeden Baum schauten sie. Aber sie fanden kein einziges Horn! Oder waren ihnen die Hörner etwa gestohlen worden? Die beiden hatten einmal gehört, dass Nashörner als Potenzmittel gehandelt würden. Ist das bei Kuhhörnern auch der Fall? Hatten Hörnerdiebe die Hörner gestohlen und teuer verkauft?
Die beiden Hirten wussten nicht weiter. Das schlechte Gewissen plagte sie. Was würden die Bauern, denen die Kühe gehören, dazu sagen?! Sie beschlossen deshalb, ins Tal hinunter zu steigen und sich umzuhören. Vielleicht erfuhren sie dort etwas. An einem Nachmittag machten sie sich also auf den Weg ins Dorf. Als sie auf den Dorfplatz kamen, standen da zwei Bauern und diskutierten miteinander ziemlich laut. Die beiden Hirten versteckten sich schnell hinter einer Holzbeige. Man durfte sie nicht sehen. Hirten gehörten nicht ins Tal, sondern auf die Alp zu ihren Herden.
In ihrem Versteck hörten sie, wie der eine sprach: „Du hast deinen Kühen die Hörner abgehauen! Bist du eigentlich verrückt geworden? Das macht man doch nicht! Eine Kuh ohne Hörner, das ist doch keine Kuh mehr! Wie kommst du eigentlich auf so eine Idee?“ Da gab der andere zur Antwort: „Das macht man heute denk so. Der Berater hat es mir geraten, weil ich einen Freilaufstall gebaut habe. Reg dich doch nicht so auf!“ Und der andere:“ „Doch, ich rege mich auf!“ Das Gespräch wurde immer lauter, die Bauern immer wütender. Das halbe Dorf war bei dem Streit zusammen gelaufen. Zuletzt waren die beiden Bauern so wütend, dass sie auf einander losgingen. Da schritten ihre Frauen ein. „Seid ihr eigentlich wahnsinnig geworden, euch wegen Hörner zu streiten?!“ und die andere: „So, hopp nach Hause an die Arbeit!“ Jede packte ihren Mann am Arm und schleppte ihn nach Hause.
So wurde es wieder ruhig auf dem Dorfplatz. Die beiden Hirten aber wussten nun, dass sie keine Hörner mehr zu suchen brauchten, dass die Bauern, beziehungsweise die Tierärzte den Kühen die Hörner wegnahmen.
Die Jahre verflossen und jedes Jahr kamen nun mehr Kühe ohne Hörner auf die Alp. Den Hirten und dem Senn taten die Tiere leid. Die enthornten Kühe verhielten sich anders als die mit Hörnern. Sie waren schwieriger zu treiben. Sie blieben nicht bei den andern in der Herde, preschten aus und irrten umher. Sie hielten ihre Köpfe nach unten und nicht so stolz nach oben, wie wenn sie sich schämen würden ohne ihren Kopfschmuck. Oder hatten sie etwa Schmerzen?
Schliesslich in einem Sommer hatten nur noch acht von achtzig Kühen Hörner. Da sagten sich die Hirten: „Jetzt muss etwas geschehen! So kann das doch nicht weitergehen. Bis zuletzt hat keine Kuh mehr Hörner!“
Im Herbst, als der erste Schnee die Alpweiden zudeckte und die Kühe wieder zu Hause im Tal in ihrem Stall standen, als der Käse verteilt und der Senn die Alphütte aufgeräumt hatte und auch weiter gezogen war, da machten sich die Beiden Hirten, der mit dem Käppli und der mit dem Rossschwanz auf den Weg zum Schloss des Königs von und zu Bundesamt für Landwirtschaft. Es war ein weiter Weg. Es dauerte mehrere Tage bis sie vor dem Schloss standen. Die Zugbrücke war hinauf gezogen. Zwei Wachen standen daneben. Die beiden Hirten riefen ihnen und winkten, doch die Wachen taten keinen Wank. Soll der weite Weg etwa vergebene Mühe gewesen sein? Fragten sich die zwei. Doch sie hatten Glück. Oben auf dem Wehrgang bewegte sich etwas. Es war die Königstochter, die auf dem Wehrgang einen Spaziergang machte. Sie hatte die beiden Hirten erspäht, hat ihre wollenen Pullover und die löcherigen Hosen und das Käppli gesehen. Solchen Besuch bekam der König, ihr Vater, nicht oft. Die beiden gefielen ihr. Sie stieg zur Brücke hinunter und befahl den Wachen, die Brücke herunter zu lassen. Und nun kamen sie hinüber mit leuchtenden Augen. Die Königstochter begrüsste sie und erkundigte sich nach ihrem Anliegen. Da berichteten die zwei von ihrem Problem mit den Kuhhörnern und dass sie deswegen unbedingt mit dem König sprechen müssten. Die Königstochter hatte sofort Sympathie für ihr Anliegen und führte die beiden zu ihrem Vater. „Papa, denen musst du zuhören, gell!“ sagte sie. Da erzählten die beiden dem König wie es um die Kuhhörner stünde und dass etwas geschehen müsse. Er, der König, habe doch eine grosse Kiste voll Gold, von dem er jedes Jahr den Bauern ein wenig gebe. Ob es ihm nicht möglich sei, den Bauern, die den Kühen die Hörner liessen einen Hörnerfranken zu geben, damit sie belohnt würden für ihre Tierfreundlichkeit. Der König hörte den beiden geduldig zu und sprach dann: „Wohl, ich sehe, das ist eine ernste Sache. Ich werde mit meinen Beratern darüber sprechen und das Volk nach seiner Meinung befragen. Ausserdem muss ich dem Kaiser von und zu Bundeshaus wegen einer Angelegenheit einen Brief schreiben. Ich werde ihm euer Anliegen dazu tun.
Die beiden Hirten bedankten sich und die Königstochter begleitete sie wieder hinaus. Sie waren hoch erfreut über die Reaktion des Königs. Auf der Zugbrücke wollte sich der Hirt mit dem Rossschwanz nicht mehr von der Königstochter trennen. Sie hat ihm gar zu gut gefallen. Aber der Hirt mit dem Käppli nahm ihn am Ärmel und zog ihn mit: „ Das ist nichts für dich! Und überhaupt, in dem Schloss gab es nicht einmal etwas zu essen. Ich habe Hunger! Komm, lass uns in eine Beiz gehen!“
Sie gingen also ins Dorf in die Wirtschaft und bestellten sich eine währschafte Mahlzeit. Dabei erzählten sie dem Wirt und allen anwesenden Gäste, woher sie kamen und wie sie vorher beim König persönlich vorgesprochen hätten und was er ihnen in Sachen Hörner versprochen habe. Sie waren mächtig stolz auf ihren Mut.
Die Nachricht vom mutigen Besuch der beiden Hirten beim König verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land. Hatten die Leute früher das Verschwinden der Hörner gar nicht bemerkt. So wurden sie jetzt aufmerksam. Einige schrieben dem König, um die Idee der beiden Hirten zu unterstützen.
So verging der Winter. Die beiden Hirten warteten geduldig auf eine Antwort des Königs oder des Kaisers, doch nichts geschah. Hatte der König sein Versprechen vergessen? Oder hatte der sich nur so entgegenkommend gezeigt, weil seine Tochter dabei gewesen war? Oder hatten ihm die Berater von der Idee des Hörnerfrankens abgeraten? Die beiden Hirten wussten es nicht. Und als es auf den Sommer zuging und sie immer noch keine Nachricht hatten, sagte der Hirt mit dem Käppli zu seinem Freund: „Nun bleibt uns nichts anderes übrig, als dem Kaiser von und zu Bundeshaus selber den Brief zu schrieben und mit allen Grafen und Vögten zu sprechen und sie zu überzeugen.“ Da antwortete ihm sein Freund: „Weist du was? Mir wird das zuviel! Da mache ich nicht mehr mit! Ich werde auswandern ins Tibet zu den Yaks. Die haben wunderschöne Hörner, und dort sind die Hörner noch etwas Heiliges.“
Nun stand der Hirt mit dem Bart und Käppli ganz alleine da. Ganz verzweifelt war er. Wie sollte er das alles alleine machen können?! Nachts schlief er kaum.
Doch da in einer Nacht, als er sich wieder schlaflos wälzte, kann ihm ein Gedanke. Er erinnerte sich daran, wie er und der Senn auf der Alp einmal nachts ein Molkenbad genossen. Sie schauten zusammen in den Sternenhimmel und philosophierten über Gott und die Welt, und da erzählte ihm der Senn von Madrisa, der Alpenfee, die die Berge, die Pflanzen, das Vieh und die Hirten und Sennen schützt, aber nur jene, die ein gutes Herz haben.
Da wusste der Hirt, was er tun konnte. Ganz leicht wurde ihm ums Herz. Am andern Morgen brach er auf und stieg in die Berge auf „seine“ Alp. Es hatte noch Schnee und der Weg war beschwerlich, aber er stapfte weiter, immer höher, bis da, wo es nur noch Steine und Felsen gab. Da rief er der Fee Madrisa, dass es laut widerhallte an den Felswänden. Und da war sie plötzlich da, jung und leuchtend schön, mit langen glänzenden Haaren. Sie sagte zum Hirt: „Ich weiss, weshalb du mich rufst. Ich will dir helfen, denn ich sehe, dass du es gut meinst. Schon lange schaue ich dir zu, wie du dich für die Kühe und Ziegen und ihre Schönheit und Würde einsetzest. Das freut mich. Schau!“ und da riss sie sich ein Haar aus, eines ihrer schönen langen Haare und gab es dem Hirt. „Bewahre es gut auf. Jedes Mal, wenn du nicht mehr weiter weisst, oder keinen Mut mehr hast, nimm das Haar in deine Hand, es wird dir helfen.“
Die Fee war verschwunden. Aber der Hirt hielt das Haar fest in seiner Hand. Froh und fast übermütig sprang er ins Tal hinunter.
Nicht lange danach bekam er Hilfe. Von allen Seiten sagten ihm Menschen ihre Hilfe zu. Einer malte grosse Bilder, andere hängten die Bilder im ganzen Land auf. Die einen sprachen mit Grafen, andere mit den Vögten. Es wurde in den Zeitungen geschrieben und überall darüber gesprochen. So entstand die Interessengemeinschaft IG – Hornkuh. Diese machte schliesslich eine grosse Umfrage bei den Leuten, ob sie den Hörnerfranken unterstützen würden. Da fanden sich noch mehr Menschen, die halfen, die Unterschriften zu sammeln Viele tausend Unterschriften kamen so zusammen.
Dann luden der Hirt und seine Helfer und Helferinnen alle zu einem grossen Fest auf einem Bauernhof ein. Aus dem ganzen Land kamen die Leute, um den Reden zu lauschen und sich Mut zu machen. Der König und der Kaiser waren auch eingeladen, liessen sich aber entschuldigen. Ob sie auch für die Schönheit und Unversehrtheit der Tiere sind, weiss man deshalb leider nicht.
Als der Hirt mit seinen Helfern die Unterschriften für den Hörnerfranken zum Kaiser von und zu Bundeshaus brachten, gesellte sich sogar der St Nikolaus dazu. Denn es war sein Tag, der 6. Dezember. Die uralte Kuh Sibylle trug stolz die abertausenden von Unterschriften auf ihrem Rücken mit würdevoll erhobenem Kopf. Die Ziegen Caroline, Gitza und Lisa sprangen übermütig mit, wie wenn sie gewusst hätten, dass es um einen Zustupf für ihre Hörner ging. Sicher hat auch die Fee Madrisa zugeschaut und sich gefreut. Der Kaiser war auf Reisen im Ausland. Er hatte seine Dienerinnen beauftragt, die Stapel Papier entgegen zu nehmen.
Der Hirt ist froh, dass er das Haar der Madrisa hat. Es gibt ihm die Kraft, die er braucht, um die Geduld und die Hoffnung nicht zu verlieren, dass eines Tages nicht nur der Kaiser und sein Gefolge, sondern auch alle Bauern und Bäuerinnen wieder für Horn tragende Kühe und Ziegen einstehen werden.
Urfassung von Armin Capaul
Überarbeitete und ergänzte Fassung Claudia Capaul
In Dialekt und frei vorgetragen am 3. Schweizer Hornfest 2013 auf dem Rosegghof in Langendorf bei Solothurn vor über 300 Gästen.